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Ein System und seine Außenseiter

Geschrieben von Ute-Maria Graupner   
Donnerstag, 24. Januar 2008

Ein Artikel von Ute-Maria Graupner


Der Blick aufs System
Diskussionen darüber, wie viel Selbstverantwortung ein Mensch für seine Lebensqualität und seine Befindlichkeit hat, sind bekannt. Die Meinungen reichen vom Opferdasein der Umstände über den absolut Freien Willen zu einer damit verbundene eignen Verantwortlichkeit für alles, was einem Menschen widerfährt.

Eine Perspektive soll hier ergänzt werden. Auf den ersten Blick scheint sie sich der Meinung anzuschließen, dass ein Mensch das Opfer seiner Bedingungen ist. Doch der Betrachtungsschwerpunkt liegt auf den Folgen einer steten Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt, in deren Abhängigkeit sich der Freie Wille formt. Verantwortung in dieser Sichtweise entspringt einem Bewusstsein für ständig herrschende Beziehungen innerhalb eines Systems und schafft eine neue Identifikation.
Der Blick aufs System
Diskussionen darüber, wie viel Selbstverantwortung ein Mensch für seine Lebensqualität und seine Befindlichkeit hat, sind bekannt. Die Meinungen reichen vom Opferdasein der Umstände über den absolut Freien Willen zu einer damit verbundene eignen Verantwortlichkeit für alles, was einem Menschen widerfährt.

Eine Perspektive soll hier ergänzt werden. Auf den ersten Blick scheint sie sich der Meinung anzuschließen, dass ein Mensch das Opfer seiner Bedingungen ist. Doch der Betrachtungsschwerpunkt liegt auf den Folgen einer steten Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt, in deren Abhängigkeit sich der Freie Wille formt. Verantwortung in dieser Sichtweise entspringt einem Bewusstsein für ständig herrschende Beziehungen innerhalb eines Systems und schafft eine neue Identifikation. Der Standort „Ich“ kann nicht mehr ohne Einbindung in ein Netz wahrgenommen werden. Kategorisierungen, die sich von sozial Schwächeren über eine mittlere Position bis zu hohen Leistungsträger einer Gesellschaft erstrecken, machen Platz zu Gunsten eines systemischen Denkens. Dieses lässt entdecken, dass jeder Mensch seinen sozialen Status auf Grund der Abhängigkeit zu seinen Mitmenschen eingenommen hat und einnehmen musste. Bewertungen über die Position innerhalb des Systems werden in diesem Bewusstsein unnötig, soziales Handeln verliert seinen Verteilungscharakter und entspringt der Erkenntnis permanenter Beziehungswirksamkeiten innerhalb des Wertesystems. In diesem Bewusstsein, ergeben sich neue Betrachtungen auf Wertehierarchien, wie sie z.B. ein Großunternehmen und die Müllabfuhr betreffen könnten.
 
Wenn man die Einflüsse der Umgebung, die verteilt auf eine Lebensspanne, als eine Fülle von zu verarbeitenden Impulsen betrachtet und dabei noch berücksichtigt, dass sich auch aktuelle Einflüsse bereits aus Lebensprozessen der Vergangenheit entwickelten, reduziert sich die Größe des Freien Willen und der Selbstverantwortung. Sie unterscheidet sich von der jener Menschen, die ihre Erfolgskarriere nur als ihre eigene Leistung betrachten. Denn die Erfolgreichen, wie die Erfolglosen mussten gleichermaßen Gegebenheiten hinnehmen, die aus der Historie einer kulturellen Entwicklung aktuell wirksam sind und mit den für einen Menschen charakteristischen Anlagen umgehen. Auf diesen Vorrausetzungen bauen sich Freie Wille und Verantwortung für die eigenen Lebensbedingungen auf.  

So ist, zum Beispiel, ein Gewitter eine Gegebenheit, die normalerweise nicht durch einen Freien Willen erzeugbar ist. D.h. der Freie Wille kann nur den Umgang mit dieser regeln. Dafür gibt es einen großen Handlungsspielraum. Man kann sich in den Gewitterregen stellen, sich in ein Haus zurück ziehen, weil man nicht nass werden möchte, oder bereits bei der Vorankündigung, dass ein Gewitter aufzieht, mit seinem Auto in eine andere Region fahren, um dem Gewitter ganz zu entkommen. Vielleicht ist man auch Soldat und hat den Befehl trotz Gewitter zu marschieren, obwohl es unangenehm ist. Oder man muss seiner Berufstätigkeit in einem Raum nachgehen, obwohl man doch gern im Gewitterregen stehen würde. Daraus ergeben sich weitere Betrachtungen. Ist es tatsächlich der Freie Wille, sich nass regnen zu lassen? Oder folgt der Betreffenden dem Beispiel seines geliebten Großvaters und bemerkt nicht, dass er sich in seiner Liebe willentlich gebunden fühlt. Vielleicht erinnert sich der Schutzsuchende an die Mahnungen seiner Eltern, die ihn ohne darüber nachzudenken ins Haus gehen lassen. Oder er hat in der Schule gelernt, dass man sich vor einem Gewitter schützen muss und folgt einer Geflogenheit, die in seiner Region so üblich ist. Jeder dieser freien Willensträger glaubt, dass es sein Freie Wille ist und damit in seiner Entscheidungsverantwortlichkeit liegt, wie er sich bei Gewitter verhält. Dabei hatte sich der Freie Wille aus vielen Faktoren geformt, die er in diesem Moment nicht mehr wahrnimmt.

Wenn Freier Wille und Verantwortung für das eigne Leben im Zusammenhang sich bereits entwickelten Gegebenheiten und aktuellen Einflüsse gesetzt wird, kann ein ehemaliger Tellerwäscher nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, allein durch seinen Freien Willen zum Millionär geworden sein. Sondern er müsste dabei berücksichtigen, dass er zum Millionär geworden ist, weil andere, wenn auch nicht bewusst, dazu beigetragen haben. Ebenso wenig ist ein Erfolgloser oder irgendwie benachteiligter Mensch abhängig von den Verhaltensweisen seiner Mitmenschen, die zu seiner Position, des Außenseiters, beitragen oder ihn dort benötigen.
Denn wir leben in einem sozialen Miteinander indem es ständig Beziehungen untereinander gibt. Auch die einsamsten und beziehungslosesten Menschen sind ein Teil dieses sozialen Netzes und werden von den Werten dieser Gemeinschaft in ihrem Sozialverhalten geprägt und tragen die bisher angesammelten Informationen in sich, die in ihrem kulturellen Wertesystem kursieren.

Gerade das Beispiel über den Umgang bei Gewitter, macht deutlich, dass ein Mensch nicht nur durch ein soziales Netz dauerhaft geprägt wurde, es von seinen Vorraussetzungen abhängt, wie er Wirkungskräfte aus der Vergangenheit verarbeiten konnte, sowie von gängigen Werte und Umgangsformen beeinflusst ist, (an denen er sich auch unbewusst orientiert,) sondern ebenfalls von Naturgewalten und Gesetzmäßigkeiten, die in Verbindung mit dem gesamten Universum stehen. So sind der Freie Wille und eine Selbstverantwortung in ein immens großes System eingebunden, das ineinander greifend wirkt, so wie angeblich ein Schmetterlingsflügelschlag in Kalifornien in Tibet einen Orkan auslösen kann.

Die Sicht auf Abhängigkeiten innerhalb von Systemen, die in sich Wechselwirkungen erzeugen, wird eine andere innere Haltung zu dem Standpunkt „Ich“ hervorrufen, als eine rein lineare Betrachtung von Folgeketten und der Annahme für diese allein verantwortlich zu sein. Das heißt, dass z.B. eine Millionärskarriere auch dadurch gefördert wurde, weil es in der Zeit des Tellerwäschers zufällig als angenehm galt in ein Restaurant zu gehen, weil es Menschen gab, die sich das leisten konnten, weil es überhaupt Restaurants gab. Der Zufall wollte es, dass ein anderer Tellerwäscher krank wurde, und der zukünftige Millionär deshalb überhaupt als Tellerwäscher beginnen durfte. Evtl. hatte er dann von einem Mitmensch eine Schreibmaschine geschenkt bekommen, mit der er seine ersten Ideen formulieren konnte. Er hatte über eine Ausbildung verfügt, eine Schreibmaschine zu benutzen und Ideen zu entwickeln und verdankte diese Bildung seinem Lieblingsonkel. Vielleicht hatte gerade eine Person seine Geschäftsidee aufgegriffen, die sie nur deshalb las, weil zu diesem Zeitpunkt der Kollege verreist war... Ein Beitrag zur Millionärskarriere ist auch ein aktueller, gesellschaftlicher Wert, Millionäre bewundernd anzuerkennen. Wenn es im Einflussbereich des Millionärs als unschicklich gelten würde, über viel Geld zu verfügen, hätte er vielleicht keine Motivation gehabt, die Anstrengung für seine Arbeit aufzubringen. Wenn dann dieser Millionär diesen Zusammenhang zu erkennen vermag, würde er nicht von sich behaupten, dass er seine Karriere ausschließlich sich selbst zu verdanken hat. Wenn er sich dieser Komplexität bewusst ist, muss er anderen Menschen dasselbe Ineinanderwirken von Lebenseinflüssen zugestehen. Er kann dann Erfolglose nicht mehr als willenlos oder ungeeignet für Erfolg betrachten, sondern wird erkennen, dass deren Freier Wille und deren Verantwortung für ihr Leben ebenfalls von sehr vielen Einflussfaktoren abhängig war und ist. Das würde wiederum eine andere Wertschätzung für seine Mitmenschen und von Wohlwollen geprägte Verhaltensweisen nach sich ziehen, die sich angenehm auf das Gemüt des Erfolglosen auswirken und ihm vielleicht ein bisschen mehr Kraft geben, um ebenfalls erfolgreicher zu werden. Der Flügelschlag des Schmetterlings wäre dann eine Wertschätzung und der Orkan, dass ein anderer Mensch, Stärke entwickelt.

Wechselwirkung zwischen Lebewesen und seiner Umgebung
Jedes Lebewesen zeigt Reaktionen auf Grund der Einflüsse aus seiner Umgebung, die wiederum eine Wirkung in seiner Umgebung hinterlassen. Die Palette dieser Wirkungen reicht von einem kleinen Geräusch, das zu einer Geräuschskulisse beiträgt, über die Gestaltung der Umwelt, die sich dann als Zivilisation darstellt bis zu gesellschaftlichen Werten, die sich in ihrer Beziehung zur Umgebung ständig verändern. Deshalb sprechen Anthropologen oder Soziologen nicht mehr nur von den Anpassungsmerkmalen der Evolution, sondern von dem Prozess einer multilinearen Evolution oder Koevolution. Das Überleben jeder Spezies ist durch eine Anpassung an seine Umgebung gekennzeichnet, - man zieht einen Mantel an, wenn die Temperaturen nach unten gehen - oder ein Lebewesen verändert seine Umgebung, so dass sie zu seinem Überleben beiträgt. Man baut sich ein Haus, um darin Schutz vor der Witterung zu finden.

Der Veränderungsverlauf der typischen Merkmale eines sozialen Gefüges, die eine bestimmte Ära repräsentieren, wird als soziokulturelle Evolution bezeichnet. Jedes sozial orientierte Lebewesen ist auf die Zusammenarbeit seiner Gruppe angewiesen, sonst ist der Bestand der Gruppe gefährdet. Davon ist der Mensch nicht ausgeschlossen. Ein Säugling kann ohne Hilfeleistung seiner Bezugspersonen nicht überleben. Ein alter Mensch ist auf die Unterstützung von anderen angewiesen. Die Merkmale des Zusammenlebens haben jeweils die zeitgenössische Gesetzgebung geformt. Wechsel wirkend prägt sie wiederum die sozialen Umgangsformen, die dem Erhalt der Gemeinschaft (und der Spezies) dienen. Heutige Richtlinien für das soziale Miteinander basieren auf den Grundgesetzen, werden durch moralische und soziale Ansprüchen eines Kulturkreises deutlich oder durch religiöse Werte, wenn auch in unterschiedlichen Orientierungen.  

Der Lebenserhalt, die soziale Einbindung oder auch der gesellschaftliche Erfolg hängen von der Fähigkeit ab, mit der ein menschliches Wesen auf seine aktuelle Umgebung zu reagieren vermag. Diese Fähigkeit wird, wie bereits erwähnt, kontinuierlich durch eine persönliche Verarbeitung von Erfahrungen, (auch die der Bildung und der Sozialkontakte,) geformt. Sie entwickelt sich über Umgebungseinflüssen, die aus der Vergangenheit stammen und durch aktuelle Wirkungsfaktoren. Nicht nur der vermeintlich Freie Wille und eine Verantwortlichkeit sind durch den Prägefaktor „Umgebung“ mit bestimmt sondern auch die körperliche Befindlichkeit. Gesundheit oder Krankheit sind verbunden mit den äußeren Wirkungskräften, die ein Organismus zu verarbeiten hat. So genannte, psychosomatische Krankheitsbilder machen deutlich, dass emotionale und soziale Einflüsse nicht nur den Charakter einer Persönlichkeit, sondern den dazu gehörigen Körper und seinen Gesundheitszustand beeinflussen. Eine Anpassungsfähigkeit umfasst somit körperliche, soziale Aspekte, sowie die intellektuellen Voraussetzungen eines Menschen. Zwischen diesen drei Kriterien besteht eine permanente Wechselwirkung, die die Lebensqualität eines Menschen bestimmt.
Ein Mangel an Gesundheit, an unterstützenden Sozialkontakten oder an Bildung wirkt sich auf alle drei Faktoren der Lebensqualität aus. Ergänzend muss man das Evolutionsmerkmal betrachten, dass für sozial orientierte Spezies eine „Zusammenarbeit“ notwendig ist, um den Gruppenbestand zu erhalten. Wir leben  in einer sozialen Gesellschaft, wobei längst Soziologen, Psychologen und Mediziner auf die Lücken dieses sozialen Netzes hinweisen, die den „Bestand“ der Gesamtgruppe verhindern.

Der Zusammenhang zwischen Stress und Krankheit.  
Der Begriff Zivilisationserkrankungen macht die Abhängigkeit des Gesundheitszustandes von Einflussfaktoren aus der Umgebung und soziokulturellen Lebensbedingungen deutlich. Man zählt dazu Herz-Kreislauf-, sowie Stoffwechsel–Krankheiten, Mager- und Fettsucht, Krebs, Allergien, Beeinträchtigungen, die den Bewegungsapparat des Menschen betreffen und psychiatrische Leiden, wie Depression, Angststörung oder Burn-Out. (Burn-Out ist eine Folge extremen Stresses, auf die der Organismus mit absoluter Erschöpfung und unangenehmen Gefühlen reagiert.) Auch für psychische und als psychosomatisch bezeichneten Erkrankungen können vorherrschende Bedingungen der zivilisierten Länder ursächlich sein, obwohl wissenschaftliche Belege dazu noch nicht ausreichend vorhanden sind. Als Ursache für Zivilisationskrankheiten werden von Fachleuten das eigene Verhalten, eine unangemessenen Nutzung zivilisierter Errungenschaften, Stress , Umwelteinflüsse, soziale Faktoren, wie Vereinsamung und Arbeitslosigkeit als ein Zusammenwirken mehrere Wirkungskräfte gesehen.

Da das menschliche Immunsystem am Besten in einem entspannten Zustand tätig sein kann und seine längerfristige Funktionsfähigkeit von Regeneration und Erholung abhängig sind, gibt es immer einen Zusammenhang zwischen Stress und Krankheitsbereitschaft. Vor allem chronische Krankheiten werden durch Stressoren gefördert, entstehen durch sie oder entwickeln darüber ihren dauerhaften Charakter. Die Funktion des Immunsystems wird durch lang anhaltende Leistungsspannung generell geschwächt und zieht ein häufiges Auftreten von Krankheiten nach sich.

Stress ist ein klassisches Beispiel dafür, dass Umgebungsreize den Körper beeinflussen. Der Körper befindet sich bei Stress in einem Spannungszustand als „automatische“ Reaktion, die über das Autonomen Nervensystem gesteuert und durch mentale, emotionale, einseitig körperliche Belastungen und einer Reizfülle für den Sinnesapparat ausgelöst wird. Diese charakterisiert sich durch Lärmbelästigung, als unangenehm empfundene Temperatur- oder Lichteinflüsse, zu viele optische Signale, unangenehme Gerüche und Geschmacksrichtungen, Einflüsse auf die Haut, die nicht als angenehm erlebt werden. Mentale Belastungen können sich über hohe Ansprüche für sich selbst, wie man zu sein hat, und was man alles leisten sollte oder Anforderungen von außen, z.B. mehr Leistung oder Termindruck entwickeln. Erlebnisse, die Angst, Trauer oder Wut hervorrufen, und dann nicht verarbeitet werden, können ebenfalls im Organismus länger anhaltenden Stress erzeugen. Eine Stressreaktion ist mit einer Ausschüttung von Botenstoffen verbunden, die eine Leistungsfähigkeit zur Verfügung stellen soll, um einer Bedrohung für Gesundheit und Leben entgegen zu wirken. Einflüsse, die ein Mensch persönlich als Stress erlebt, wurden bereits vom Organismus blitzartig als ungünstig für seine Gesundheit oder seinen Lebenserhalt bewertet. Sensible Menschen reagieren auf Reizfülle, emotionale Belastungen oder massive Leistungsorientierung gestresster als „robuste“. Die Unterschiedlichkeit, wie verschiedene Persönlichkeiten ihre Stresserfahrungen erleben, ist abhängig von persönlichen Voraussetzungen.

Wie zu Beginn des menschlichen Lebens auf diesen Planten zieht Stress noch immer eine Art Flucht- oder Angriffsreaktion im Organismus nach sich zieht. Ein von anhaltenden Stress Betroffener neigt zum Rückzug, fühlt sich permanent auf der Flucht, muss sich stets verteidigen oder greift andere Menschen an. Im sog. Reptilienhirn, einem Areal unseres Gehirns, das bereits seit Beginn der Menschheit in derselben Weise funktioniert, werden Stressoren als lebensgefährlich bewertet und würden Gefühle, wie blinde Wut oder blanke Panik auslösen, wenn nicht im Laufe der Evolution dazu gewonnene andere Funktionsmöglichkeiten des Gehirns diese Emotionen reduzieren. Es gibt auch Menschen, die mit permanenten Stressauslösern scheinbar bestens „funktionieren“, weil sie ihre Gefühle nicht mehr wahrnehmen. Die Unterdrückung von Gefühlen führt zu weiterer Stress- oder Leistungsspannung im Organismus, schafft die Basis für chronische Beschwerden oder wirkt sich direkt als Krankheit aus. Anzeichen, dass eine Lebensführung in permanenten Stress die Gesundheit beeinträchtigt, sind Empfindungen wie, ich fühle mich überfordert; ich bin dem allem nicht mehr gewachsen; ich weiß nicht mehr, wer ich bin; ich funktioniere nur; ich fühle mich ständig gehetzt; ich bin ohnmächtig oder werde von anderen nicht verstanden. Meist erlebt derjenige parallel einen Mangel an positiven Erfahrungen im Alltag, die das Autonome Nervensystem zur Ausschüttung von Botenstoffen veranlassen würde, die für Entspannung, Wohlbefinden und eine gute Arbeit des Immunsystems sorgen.

Darüber hinaus kann ein Mensch in einem permanenten Spannungszustand, angenehme Einflüsse seiner menschlichen Umgebung nicht mehr als solche erfassen und sich von seinen Mitmenschen abgelehnt fühlen. Er neigt weiter zur Flucht- oder Angriffsreaktion als natürliche Anlage zur Überwindung von Gefahren. Die Wahrnehmung eines Menschen in einer Flucht- oder Angriffsreaktion konzentriert sich ist nahezu ausschließlich auf das Auffinden einer Gefahr. Dieser natürliche Mechanismus zur Gefahrenerkennung bedingt eine schnelle Bewertung der Gefahrenlage. Entsprechend  konzentriert sich die Suche auf Gefahrenquellen auch bei mentalen oder emotionalen Stress. Sein Erleben ist geprägt von noch mehr Terminen, weiteren Anforderungen, nur noch schlechten Nachrichten oder unangenehme Seiten des Partners werden überdeutlich, Worte werden im ablehnenden Sinne verstanden. Positive oder unterstützende Einflüsse werden nicht registriert. Der Mechanismus, sich auf Bedrohungen zu konzentrieren und das Umfeld entsprechend zu bewerten, entspringt einer Leben erhaltende Anlage und vollzieht sich von daher für den Betreffenden meist unbewusst.

Reizfülle, hohe Alltagsbelastungen, zusätzliche oder daran gekoppelte Lebenskrisen, chronische Krankheiten hinterlassen also jene Leistungsspannung, die ein großes Bewertungsbedürfnis nach sich zieht. Dieses macht auch vor der eigenen Person nicht halt. Selbstzweifel sind die Folge, die ebenfalls als Bewertung zu bezeichnen sind. Aus psychologischer Sicht bedingt die im Organismus angelegte Überlebensfähigkeit, sich seiner Umgebung anzupassen, auch das Bedürfnis nach Anerkennung. Der Betroffene befindet sich Spannungsfeld zwischen Selbstzweifel und Anerkennungsbedürfnis. Alle haben Erfolg, nur ich nicht, also bin ich „verkehrt“. Wenn er sich zu seiner Lebensqualität äußert, findet er keine Bestätigung einer Angemessenheit für seine Reaktionen. Der Betreffende versteht die Welt nicht, die ihn nicht versteht. Dabei steckt er lediglich im Kreislauf von Stress, Flucht- oder Angriffsreaktion und entsprechender Wahrnehmung des Umfeldes. Er wird zum „Sonderling.“

Soziale Benachteiligung schränkt Gesundheit ein.
Da alle Menschen der Anlage folgen, sich ihrer Umgebung anzupassen oder das eigne Umfeld ihren Bedürfnissen entsprechend gestalten möchten, schließen sie häufig jene Mitmenschen aus ihren Sozialkontakten aus, deren Verhalten sie nicht nachvollziehen können. Im Sinne der Evolutionstheorie unterstützt ein Sonderling nicht den eignen Lebenserhalt und könnte eine Bedrohung darstellen, und aus gesellschaftlicher Sicht werden „zukünftige Außenseiter“ als unangemessen für die persönliche Lebensweise empfunden. Soziale Bestätigung und Anerkennung einer Leistung bleiben für Sonderlinge aus, oder ablehnendes Verhalten erzeugt in ihnen Stressreaktionen, die, psychologisch betrachtet, zu Selbstverrat führen können. Derjenige, der sich nicht anerkannt fühlt, versucht verzweifelt - seiner Anlage entsprechend – sich Normen seines Umfeldes anzupassen. Er übersieht dabei seine persönlichen Neigungen und Stärken, kann sie nicht für Anerkennung - evtl. durch ein anderes Umfeld - heran ziehen. Ein Selbstverrat an der eignen Person wird, auf Grund des angelegten Anpassungsbedürfnisses, vom Betroffenen meist nicht wahrgenommen, ebenso wenig, Erfahrungen, in denen sich ein „zukünftiger Außenseiter“ dennoch in seiner individuellen Weise gesund, wohl oder entspannt fühlt. Damit konzentriert sich, wie oben berichtet, die Wahrnehmung immer mehr auf die Wiederholung unangenehmer Gefühlserlebnisse. Damit verbundene Empfindungen, wie Wut oder Angst werden oftmals verdrängt, da sie noch weniger soziale Bestätigung nach sich ziehen oder als unberechtigt bewertet werden. Auf Wut oder gar Aggression, auch wenn sie von anderen Menschen als folgerichtig erkannt wird, folgen meist (dennoch) Reaktionen der Ablehnung. Der Betroffene übernimmt die Ablehnung seiner Mitmenschen und richtet sie in seiner Not häufig gegen sich selbst. Autoaggression, Resignation oder Depression sind die Folge einer Netz artig wirkenden Kettenreaktion, die auf natürlichen Anlagen im Organismus zurückzuführen ist und wird von dem Betreffenden und seinen Mitmenschen übersehen. Er ist dadurch zum Außenseiter geworden.

Wie bereits erwähnt, ist der Mensch ein soziales Wesen, das über seine Fähigkeit, Wechselwirkungen zwischen sich und seiner Umgebung zu verarbeiten, sein Leben und seine Gesundheit erhält. Hier wird deutlich, dass Stress bedingte Krankheiten und Außenseiter-Verhaltensweisen nicht allein im Versagen bzw. der Verantwortung des Betroffenen zu finden sind. Jedes Individuum hat eine körperliche Grundlage durch Erbanlagen und eine Prägung durch seine Lebensgeschichte. Im gesamten Organismus sammeln sich Einflüsse aus der Umgebung an und vermischen sich mit jenen der Gegenwart. Auf der Basis dieser Kombination wird das Umfeld wahrgenommen, werden Entscheidungen getroffen und Handlungen vollzogen und baut sich der Gesundheitszustand eines Menschen auf. D.h. für das Auftreten von Zivilisationskrankheiten, psychosomatischen, psychischen Erkrankungen und psychologisch betrachteten Defiziten ist eine Fülle von Wirkungsfaktoren der Umgebung mit verantwortlich.

Die Position eines Außenseiters wird von allen erzeugt.
Das Ineinandergreifen von äußeren Faktoren und persönlichen Voraussetzungen prägt somit Gesundheit und die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen, bestimmt seine soziale Position innerhalb der Gesellschaft und entscheidet, in welcher (sich selbst erhaltenden) Lebensqualität er sich bewegt. Wird ein beginnender Kreislauf, einer Lebensführung mit den Merkmalen für einen „zukünftigen Außenseiter“ nicht rechtzeitig erkannt, schleift sich - ebenfalls auf Grund einer natürlichen Anlage im Körper – die Wiederholung vertrauter Bewertungs- und Handlungsmuster ein. Denn ein weiteres Kriterium für das Überleben der menschlichen Spezies ist, die schnelle Abrufbarkeit von Handlungsmustern. Umso häufiger eine körperliche und emotionale Reaktion zu einer wiederholten Handlung führt, desto selbstverständlicher wird sie zu einem Mechanismus. Das Gleiche gilt auch für viele Krankheitsmuster. Sie sind die Antwort auf wiederkehrende Bedingungen, die weder der Gesundheit noch dem eigentlichen Lebenserhalt dienen. In Diagnosen, psychologischen oder sozialen Prognosen liest sich ein wiederholtes Auftreten von Handlungs- oder Krankheitsmustern eher als persönliche Schwäche, gesundheitliches Defizit oder (bedauerliche,) individuelle Erbanlage.

Psychosomatische, psychische Reaktionen, Verhaltensauffälligkeiten auf Grund von Umgebungsbelastungen und Krankheiten, die durch Außeneinflüsse mit geprägt werden, müssen im Sinne der Evolutionstheorie als Signale betrachtet werden. Sie rufen zu einer Anpassung in Form von Veränderung der Lebensführung oder der Einflussumgebung auf, um Gesundheit und Lebenserhalt zu sichern. Um dem Überlebenskriterium, schnell abrufbare Handlungsmuster oder sich wiederholende Krankheitssignale, entgegen zu wirken, müssten die Umgebungseinflüsse des Betreffenden verändert werden. Das kann in einer Behandlung und einen Sozialplan selten ausreichend berücksichtigt werden. Denn meist lassen sich nur wenige Umgebungseinflüsse eines Betroffenen verändern. Außerdem entscheidet das intellektuelle Niveau eines „zukünftiger Außenseiter“ wie weit er die Komplexität erkennen kann, die eine Aufrechterhaltung seiner Lebensqualität betrifft.

Bevor es zu einer chronischen Krankheit mit psychosozialen Hintergründen oder einer Außenseiterpositionen kommt, hat ein Betroffener, wie beschrieben, versucht, sich anzupassen oder seinen körperlichen Signalen im Vorfeld einer Krankheit gerecht zu werden. D. h. er nutze seine körperlichen Anlagen zur Anpassung oder Gefahrenvermeidung. Sein Organismus war über einen längeren Zeitraum einer starken Spannung ausgesetzt. Die damit verbunden Auswirkungen auf seine Gesundheit oder seine emotionale Befindlichkeit wurden oben beschrieben. Die Außenwelt bietet keine Bestätigung, dass der Betroffene bereits die Schritte zu einer Manifestierung einer „sonderbaren“ Persönlichkeit oder Krankheit geht. Sie fordert von dem Betroffenen eher weitere Flucht- oder Angriffsreaktionen ein. Idem sie mit einem Mangel an Unterstützung, Unverständnis oder Missachtung reagiert, bleibt die mittlerweile chronische Anspannung erhalten. Somit werden Mitmenschen zum Bestandteil eines Wirkungsfaktors für Gesundheits- oder Lebensqualitätseinschränkungen, tragen zu Außenseiterposition bei und stabilisieren soziale Benachteiligungen. Denn die Komplexität, wie sich Außenseiterpositionen entwickeln, ist nur Fachleuten bekannt.

Wenn das stete Abrufen einer Flucht- und Angriffsreaktion bereits in der Kindheit begonnen hat, empfindet der mittlerweile Erwachsene seine Lebensqualität als normal. Die Wahrnehmung seiner Umgebung, (im weiteren Sinne als bedrohlich,) ist seinem inneren Erleben angepasst und ablehnende Reaktionen seiner Mitmenschen bestätigen ihn darin, mit Leistungsspannung auf seine Umwelt reagieren zu müssen. Selbst, wenn der Betroffene diese nutzt, um sich um politische und soziale Unterstützung oder psychologische und ärztliche Hilfe zu bemühen, bleibt sein Bedrohungsgefühl erhalten, wenn seine individuelle Verarbeitung der Außeneinflüsse und sein scheinbar unangemessenes - evtl. aggressives - Verhalten nicht verstanden wird. Außenseiter werden oft auch von Experten als Querulanten, psychisch labil oder willenlos betrachtet, ihre persönliche Notlage bagatellisiert und damit die Verantwortung für ihre Lage nur ihnen zugewiesen.

Da erst im Laufe der letzten 50 Jahre allmählich das Zusammenwirken von Körper, Psyche und Geist, sowie System bedingte Voraussetzungen für Krankheiten und Außenseiterpositionen erforscht wurde, konnten sich Flucht- und Angriffsreaktionen bei heute über 50 Jährigen, leicht als Muster ausbilden. Auf Grund von permanenter Wiederholung führten ursprünglich natürliche Signale zur Gefahrbewältigung zu psychosomatischen Dauerbeschwerden, chronischen Krankheiten, sozial wenig anerkannten Verhaltensweisen oder führten zu einer Störung der Persönlichkeit. Dasselbe trifft zu, wenn von einem Arzt, Psychologen oder Berater für soziale Not nicht die Komplexität erkannt wird, durch die sich eine Lebensqualität in Bedrohung entwickelt. Wendet sich z.B. ein Mensch wegen Herzbeschwerden an einen Kardiologen, wird dieser meist nur seine Herzkreislauffunktionen überprüfen und seine Außeneinflüsse wenig erforschen. Sucht ein in Not geratener Mensch Hilfe in einer Beratungsstelle, wird dort zwar nach seinen inneren Spannungszuständen und körperlichen Erscheinungen gefragt, aber dass auch der Berater mit seinem Verhalten zu einer Manifestation der Leistungsspannung beitragen kann, ist nicht bekannt. Fach übergreifendes Wissen ist nicht so weit verbreitet, dass sich durch ein abgestimmtes Verhalten der Mitmenschen, die Summe bedrohlicher Außenreize so verringert, dass ein Betroffener seine dauerhafte Flucht- und Angriffsreaktion aufgeben kann.

Ein Versäumnis, die Komplexität von Einflüssen zu erkennen, wirkt sich verstärkend auf die soziale Hierarchiebildung aus, wenn Fachleute, die für sozialpädagogisches, gesundheitspädagogisches und sozialpolitisches Vorgehen verantwortlich sind, diese in der Gesetzgebung zu wenig berücksichtigen. Selbst Psychologen, die normalerweise die Einflusskette eines Menschen betrachten, orientieren sich am Individuum und können „nur“ ihn und nicht seine Umgebung, die im selben Ausmaß zu seiner Lebensqualität beigetragen hat, therapieren. Erkenntnisse, die den gesellschaftlichen Einfluss betreffen, können lediglich bezüglich der Wirkungen durch Familie, persönliches Umfeld und Sozialisation in einer Behandlung oder in einen Sozialplan mit einbezogen werden, wenn überhaupt. Denn die Merkmale der Arterhaltung und der historische Verlauf von Einflussketten auf Grund kultureller Merkmale einer Epoche sind gegebene Faktoren. Die Kenntnisnahme dieser Komplexität jedoch könnte bereits zu einem wohlwollenden Umgang mit irgendwie andersartigen Menschen führen. Damit würde die Summe der bedrohlichen Außenreize für einen Außenseiter geringer und sich lindernd auf psychosoziale Krankheiten auswirken.

Folgerichtig liegt die Verantwortung für diejenigen, die sich ausgeschlossen, bedroht, gestresst oder krank fühlen, nicht nur bei ihnen, sondern auch im gesellschaftlichen Umfeld und der Historie der Wertebildung. An die Stelle eines Bewusstseins für eine System ineinander greifende Wirkungskraft, Schuldzuweisungen und Abwertungen zu setzen, sowie Abgrenzungen zu Außenseitern zu vollziehen, erhebt einen Mangel an Logik und Verantwortung. Jedes Wertesystem ist begrenzt, schafft einen Rahmen und damit Außenseiter. Diejenigen, die sich außerhalb bewegen, erleben sich auf Grund des vorgegebenen Anpassungsbedürfnisses als „verkehrt“ oder tragen eine individuelle Stärke in sich, die sie zu Pionieren macht. Ist diese Stärke nicht vorhanden, bleiben sie in der vermeintlich sozialen Entwicklung einer Gesellschaft „zurück“. Ihre Potenziale werden weder persönlich noch als Bestandteil der Summe an Fähigkeiten einer Gemeinschaft genutzt. Eine Stigmatisierung, auch die durch eine psychologische, medizinische oder auch soziale Diagnose, demonstriert, dass die nicht zu verantwortende Einflusskette nicht ausreichend als eine „natürliche“ Folge betrachtet wird, erhöht ein Ausschluss- und Abgrenzungsverfahren durch das soziale Umfeld des Betreffenden und fördert Außenseiterpositionen. Dabei begründet sie sich letztlich auf Voraussetzungen im Autonomen Nervensystem zum Erhalt des Lebens und auf nicht zu verstehende und wenig vertraute Anpassungsversuche.

Außenseiter sind unökonomisch
Chronisch Kranke und sozial Benachteiligte erfordern in der Gesellschaft Maßnahmen, die Kosten intensiv sind. Eine Aufklärung über diese Komplexität würde Verständnis und Anerkennung für Menschen mit außergewöhnlichen Lebenswegen hervorrufen, eine Kosten günstige Integration von Außenseitern in die Gemeinschaft ermöglichen und ihnen nicht mehr nur ein persönliches Versagen zuordnen. Durch ein Bewusstsein für die Wirkungskräfte innerhalb von Systemen würden sich neue, kreative Wege im sozialen, gesellschaftlichen Miteinander auftun, die ohne die Kenntnisnahme dieser Komplexität, nicht entdeckt werden können.

Vorschläge zur Sozialpolitik, die sich noch immer ausschließlich an einer persönlichen Verantwortung oder einem individuellen Versagen orientieren, würden nicht weiterhin Arbeitszeit von Fachleuten der Beraterstabs und Parlamentariern in Anspruch nehmen, die vom Steuerzahlern finanziert wird. Beamte in Unterstützungseinrichtungen für finanzielle Notlagen könnten durch Aufklärung eine zügige Hilfe zur Verfügung stellen, statt mit lang andauernden, bürokratischen, von Misstrauen geprägte Vorgehensweisen zur emotionalen Not oder Krankheitsmanifestation ihrer Klientel beizutragen. Auch deren Arbeitsleistung wird von der Gemeinschaft finanziert.

Krankenkassen setzen auf Prävention, weil ihnen sowohl Erkenntnisse aus der Stressbewältigung als auch aus der Arbeitspsychologie vorliegen. Sie fordern ihre Mitglieder auf, ihrem Alltag entsprechend den Kriterien für eine psychosoziale Gesundheit zu gestalten, um teure Krankheitsbehandlungen zu vermeiden. Parallel werden aber im Falle einer bereits erforderlichen Krankheitsbehandlung jene vorgezogen, die offiziell anerkannt und meist hohe Kosten  verursachen. Die Prozesse zur Anerkennung eines Medikaments werden u. a. von Wirtschaftsunternehmen mit finanziert. Anerkannte Diagnoseerstellungen und Heilungsverfahren machen meist eine teuere, medizinische Ausrüstung notwendig. Durch Konsum wird damit auch die Branche für medizinische Behandlung des Wirtschaftsystems gestützt. In der Form, wie Leistung in unserem Wirtschaftssystem erbracht wird, kommt es immer wieder zu Stress, als eine Voraussetzung für Zivilisationserkrankungen oder zu Außenseiterpositionen für jene, die weder psychisch noch körperlich den krank machenden Leistungsanforderungen gewachsen sind. Dabei haben Arbeitspsychologen längst bewiesen, dass eine wirtschaftliche Leistung einer Arbeitnehmerschaft, die im Wechsel von Entspannung und Anspannung erbracht wird, ebenfalls erfolgreich ist und Unternehmen schwarze Zahlen schreiben lassen.

Dasselbe Paradoxon betrifft die Kosten für eine Medikamentierung bei Stresssymptomen, psychosomatischen oder psychiatrischen Krankheitsbildern. Prophylaxe als individuelle Maßnahme ist Kosten senkend, aber eine Aufklärung, wie Außeneinflüsse körperlichen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen führen, würde zu einer Veränderung des Bedingungsgefüge führen, in der wirtschaftliche, politische, sozialtätige und pädagogische Leistungen erbracht werden und würden viele Folgekosten auf Grund der Behandlung überflüssig machen. Ebenso wäre durch eine Reduzierung krank machender Außeneinflüsse, oftmals eine Kosten intensive Operation und Rehabilitationsmaßnahme nicht mehr notwendig. Viele Zivilisationskrankheiten im Bereich des Bewegungsapparats oder der Herzfunktion, lassen sich im Vorfeld verhindern. Aktuell machen sie einen großen Teil der OP-Termine und der Krankenkassenausgaben aus.

Die übliche Vorgehenswiese auf dem Arbeitsmarkt, das noch vorhandene Leistungsvermögen zum Aufbau einer körperlichen Dauerspannung auszureizen, das sich dadurch irgendwann erschöpft, ist längst als Kosten ungünstiger belegt worden. Entsprechend den Evaluationsergebnissen von Arbeitspsychologen der ETH Zürich rechnet sich ein Raubbau an Gesundheit durch permanente Leistungsspannung im Bruttosozialprodukt nachteiliger als dem Arterhaltungsprinzip, das im Wechsel von Entspannung und Anspannung des Organismus liegt, zu entsprechen. Durch den Raubau am Körper, durch einen Mangel an Entspannung werden lediglich neue Kranke und neue Außenseiter geschaffen, die häufig auf Grund der damit verbunden finanziellen Einschränkungen im Lebensalltag auch nicht mehr als Konsumenten zur Verfügung stehen.

Bewusstsein für systemische Wirkungskraft
Die Trennung zwischen Gesunden und Kranken, Erfolgreichen und Erfolglosen würde bei der Berücksichtigung der beschriebenen Komplexität reduziert. Soziale Verantwortung heißt in diesem Sinne nicht, die Kategorisierung in sozial Benachteiligten, Leistungseingeschränkten und Leistungsträgern heranzuziehen, um dann dafür eine Lösung zu finden, die sich in der Verteilung von Vergünstigungen darstellt. Sondern die eigne Verantwortlichkeit mit der Komplexität zu betrachten, durch die sich ein Freier Wille und eine Selbstverantwortung formen. Das Bewusstsein, wie stark ein soziales Gefüge in sich wirksam ist und sich über Abhängigkeiten bindet, die allein durch gängige Werte ihre Einflusskraft haben, (auch wenn diese nicht in einem direkten Kontakt vermittelt werden,) müsste das persönliche Wertesystem entsprechend dieser Fakten hinterfragen lassen. Indem man sich selbst in Abhängigkeit zu den Handlungen seiner Mitmenschen betrachtet, erkennt man, dass die tolle Position, die gute Gesundheit, der privilegierte Status, auch davon abhängt, dass der eigene, Freie Wille von gängigen Werten geprägt ist. Man muss entdecken, dass Außenseiter geradezu notwenig sind, um den Gegensatz von Insidern und Außenseiter herstellen zu können. Der Freie Wille kann dann heran gezogen werden, seine Entwicklungsfähigkeit zu nutzen, um in Außenseitern, Menschen mit Anpassungsversuchen zu sehen, auf einer anderen Basis als der eigenen.

Der Freie Wille wird im Inneren einer Persönlichkeit erfahren. Das heißt Verantwortung beginnt ebenfalls im Inneren einer Person, indem sie bewertende Trennungsabsichten zu ihren Mitmenschen und anderen Gruppierungen reflektiert, sowie die eigenen Impulse für den Ausschluss von Außenseitern erforscht. Damit würde ein Mensch seiner Anlage gerecht, ein soziales Wesen zu sein und zum Erhalt der Spezies beizutragen, entsprechend der Art erhaltenden Möglichkeiten, die dem Prozess der Koevolution abzulesen sind. In welcher beruflichen oder gesellschaftlichen Position er auch steht, er würde die Tatsache berücksichtigen, dass eine Kette von mannigfaltigen Wirkungskräften ihn auf seinen Lebensweg beeinflusst hat. Die meisten Krankheiten und der Status eines sozial Benachteiligten entstammen einem System und liegen nicht nur in der Verantwortung der Betroffenen.

Information zur Person der Autorin findet man unter www. kunst-gesundheit.com